Benutzer:BonnieT025252128: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 14. Juli 2019, 17:44 Uhr


Binnen Tagen nach Beginn des großen Massakers überzogen weltberühmte Schriftsteller, Gelehrte und Künstler der Alten Welt die jeweiligen Kriegsgegner mit Hasstiraden.youtube.com In Deutschland trieb der nationalistische Wahn besonders bizarre Blüten. Die Wende vom Frieden zum Krieg im Sommer 1914 hat Stefan Zweig in seiner Autobiografie "Die Welt von Gestern" suggestiv beschrieben.youtube.com Sie erscheint abrupt und Schwindel erregend. In einem Kurpark bei Wien und anschließend in einem belgischen Strandbad erfreut sich Zweig wie andere internationale Feriengäste des Bilderbuchsommers. Erst nach Österreichs Kriegserklärung an Serbien flieht Zweig mit dem letzten Zug. Buchstäblich über Nacht sei dann - Anfang August - "der erste Schrecken über den Krieg, den niemand gewollt", einem allgemeinen Enthusiasmus gewichen.


Ganz Wien im Schwindel der Kriegsbegeisterung, überall Fahnen, Spruchbänder, Musik. Der kollektive Rausch ist fast unvorstellbar für spätere Generationen, die das Grauen zweier Weltkriege vor Augen haben - ganz zu schweigen von Völkermord, Massenvertreibungen und "ethnischen Säuberungen". Allen voran war es die kulturelle Elite, die diesem Rausch 1914 erlag. Nationalistische Euphorie verbreitete sich, mit einigen Abstufungen, auch in England, Frankreich und Russland. Die Russen warfen den angestammten Namen ihrer Hauptstadt beiseite wie einen faulen Apfel, weil er plötzlich allzu deutsch klang - aus St. Petersburg wurde Petrograd. Überall lieferten Intellektuelle die ideologischen Stichworte und forcierten die geistige Mobilmachung. Dichter und Denker, Künstler und Komponisten, Priester und Pädagogen wurden von der Kriegsstimmung mitgerissen und feuerten sie an. In der überfüllten Aula der Universität von Jena spricht im August 1914 der Literatur-Nobelpreisträger Professor Rudolf Eucken (1846 bis 1926), der Paradephilosoph des Kaiserreichs.


Zwar erweise sich ein Krieg als schweres Übel, doziert Eucken, wenn er aus niedrigen Beweggründen geführt werde - aus Hass, Neid, Ruhmsucht oder Erfolgsgier etwa. Als "Quelle sittlicher Stärkung" dagegen bewähre sich "der Kampf eines ganzen Volkes für seine Selbsterhaltung und für die Wahrung seiner heiligsten Güter". Dass Deutschlands Krieg von ebendieser Art sei, also einer gerechten Sache diene, das zeige "die durchgreifende Läuterung und Erhebung", die er an "unserer Seele" bewirke. Die wirklichen Ursachen tauchen nicht auf in dieser eigentümlichen Argumentation, deren Grundmuster in der Kriegsrechtfertigung deutscher Intellektueller fortan wiederkehren wird: Das Erlebnis des Krieges beweist sich von selbst.


Der Behauptung einer angeblich erdrückenden kulturellen Überlegenheit Deutschlands über seine Feinde, auch in Westeuropa, ist eines der meiststrapazierten Argumente deutscher Kriegsrechtfertigung. Scharenweise rüsten Gelehrte ihre akademischen Elfenbeintürme zu patriotischen Trutzburgen um. Die Elite der deutschen Wissenschaft hält im Herbst 1914 kriegsbegeisterte Vorträge, die unter dem Titel "Deutsche Reden in schwerer Zeit" als Buch gedruckt werden; Kurt Flasch hat viele davon unlängst in seinem bestürzenden Buch "Die geistige Mobilmachung" in Erinnerung gerufen. Charakteristisch ist der religiöse Ton, in dem sich patriotische Ergriffenheit bekundet. Da wird "staunende Andacht" beschworen, "heilige Zeit" und "wunderbare Kraft, die in uns einströmte". Bei so viel Mystik macht sich jeder Skeptiker, der auf dem Unterschied von Fühlen und Denken, Glauben und Wissen, Propaganda und Universität besteht, als undeutscher Kleingeist verdächtig.


England und Frankreich bleiben im Krieg der Geister Deutschland nichts schuldig, wobei in England maßvolle und nüchterne Stimmen vor allem anfangs eher zu vernehmen sind als in Frankreich. Dort hatte ein Fanatiker den großen Pazifisten und hochgebildeten Sozialisten Jean Jaurès am 31. Juli 1914 ermordet. Das Attentat ist das Fanal für die Entfesselung des französischen Chauvinismus, der nach Rache für die Niederlage von 1871 schreit. Ebenso wie in Deutschland und Österreich wähnt sich die Bevölkerung in England, Frankreich und Russland in einem von außen aufgezwungenen Verteidigungskrieg. Gleichzeitig hat aber überall in Europa, im Zeitalter des nationalistischen Wettstreits um koloniale Beute, eine Art politischer Darwinismus das Denken durchsetzt.youtube.com Sie lässt den Krieg als biologische Notwendigkeit bei der Auslese und Entwicklung nationaler Arten erscheinen.


Ist Deutschland zu Kriegsbeginn auf den Schlachtfeldern der Panzer und Maschinengewehre in der Offensive, so sieht es sich im Krieg der Worte und Gedanken in die Defensive gedrängt - international angeprangert als Volk von Barbaren, Hunnen, Militaristen. Im besten Fall werden die Deutschen bemitleidet als eine von preußischen Pickelhauben versklavte Nation, die leider nur gewaltsam von Kadavergehorsam und Kasernengeist zu befreien und in den Kreis zivilisierter Nationen zurückzuführen sei. Wie in Deutschland, so wird auch in England der Krieg als eine Art philanthropische Kulturmission dargestellt. Nur die Begründung variiert. Wir kämpfen für das starke, tiefe Deutschland der Vergangenheit, das Deutschland der Musik und der Philosophie, gegen das jetzige monströse Deutschland von Blut und Eisen.


Für die Deutschen, die nicht der regierenden Klasse angehören, wird unser Sieg dauernde Erlösung bringen. Aus den Trümmern des Reiches wird sich der Deutsche dann jenes herrliche Juwel heraussuchen: das Juwel der persönlichen Freiheit, das höher steht als der Ruhm der Eroberung fremder Länder. Wenn die Deutschen so dumm wären, wie Herr Conan Doyle offenbar glaubt, dann würden sie vielleicht auf diesen Leim kriechen. Im Ensemble der französischen Intellektuellen hat der weltberühmte Philosoph Henri Bergson die antideutsche Fanfare geblasen. Wer da noch versöhnliche Töne riskiert, hat einen schweren Stand. Der große französische Erzähler Anatole France kritisiert in einem Artikel zwar das Vorgehen der deutschen Truppen in Belgien scharf, schließt aber damit, nach dem militärischen Sieg über Preußen-Deutschland müssten die Franzosen die Deutschen wieder wie Freunde aufnehmen. Der 70-Jährige wird daraufhin von Pariser Blättern derart heftig attackiert, dass er schleunigst seine Dienste in Uniform anbietet.


Sein Landsmann Romain Rolland verweigert sich mutig der nationalistischen Hysterie. Mit seiner legendären Schrift "Au-dessus de la mêlée" ("Über dem Getümmel") beweist er als einer von wenigen Europäern, dass die Alte Welt den Geist noch nicht ganz aufgegeben hat. Anderentags wird er von Buchhändlern und von seinen ältesten Freunden boykottiert. Sogar dieser unerschrocken pazifistische Dichter und Deutschenfreund verliert aber die Geduld, als Deutschlands großer Dramatiker Gerhart Hauptmann die Kritik aus dem Ausland rundheraus als "lügnerische Märchen" abtut.youtube.com Er gehöre gewiss nicht zu denen, erwidert Rolland, die Deutschland als barbarisches Land traktierten. Aber "die Wut, womit Ihr diese hochherzige Nation (Belgien) behandelt", sei zu viel. Auf alliierter Seite scheint die Antwort klar. Rudyard Kipling, Autor des "Dschungelbuchs" und literarischer Anwalt des britischen Imperiums, formuliert sie in einem poetischen Kampfaufruf in der "Times": "The Hun is at the gate!", der Hunne pocht ans Tor.


In derselben Zeitung veröffentlichen 52 britische Schriftsteller die Erklärung "Ein gerechter Krieg": Die Verletzung der belgischen Neutralität lasse England keine Wahl. Gegen die massive internationale Kritik an Deutschland wenden sich 93 prominente Vertreter des deutschen Geisteslebens in dem am 4. Oktober 1914 veröffentlichten und in 14 Sprachen versendeten Manifest "An die Kulturwelt!". Es folgt ein sechsfaches, fett hervorgehobenes "Es ist nicht wahr". Auf die trotzige Bekundung der Solidarität mit dem Militarismus - ein Begriff, der in der wilhelminischen Gesellschaft und Kultur bis Kriegsausbruch durchweg negativ besetzt war - reagierte die angesprochene "Kulturwelt" mit Abscheu. Das galt auch für neutrale Länder wie die Schweiz, die für ein Grüppchen entschiedener Gegner der deutschen Kriegspolitik bald zur Zuflucht vor der Zensur wurde - unter ihnen die jüdischen Denker Ernst Bloch und Walter Benjamin.


Paradoxerweise waren die treibenden Kräfte hinter dem Aufruf aber nicht etwa notorische Chauvinisten oder servile Untertanen des Kaisers. Das Gegenteil ist richtig: Gerade die Hauptbeteiligten hatten sich in den beiden Vorkriegsjahrzehnten als herausragende liberale Widersacher der reaktionären Kulturpolitik Wilhelms II. Der polyglotte und ungeheuer produktive Mann gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu Deutschlands erfolgreichsten Dramatikern und populärsten Schriftstellern. Er schrieb Dutzende Theaterstücke, von denen viele um die Welt gingen, und wurde am Wiener Burgtheater häufiger gespielt als Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Ähnlich populär waren seine Übersetzungen aus sieben Sprachen. Dass etwa Molière vor 1914 in Deutschland mehr als in Frankreich aufgeführt wurde, war auch ein Verdienst von Fuldas geistigem Brückenbau. In der Weimarer Republik ähnlich geachtet wie zuvor im Kaiserreich, wurde Fulda nach 1933 als Jude verfemt, isoliert und 1939 in den Selbstmord getrieben.


Das Zerstörungswerk des Nationalsozialismus hat dafür gesorgt, dass Ludwig Fulda heute zu Deutschlands vergessenen Schriftstellern gehört. Die Überzeugung, die er 1914 vertrat - tief gekränkt durch den Pauschalangriff auf deutsche "Barbarei" - stand für ihn selbst keineswegs im Widerspruch zu seiner unerschrocken oppositionellen Haltung in Friedenszeiten. Der "Aufruf an die Kulturwelt" sollte vielmehr deren konsequente Fortsetzung sein: Wiederum sah er die deutsche Kultur bedroht. Diesmal freilich durch äußere Anfeindung. England, wo "unser Shakespeare" nur "versehentlich" zur Welt gekommen sei. Neben der absurden Komik dieser Äußerung ist der widerwillige Respekt nicht zu verkennen, den sie der Weltmacht England zollt. Weil die allgemein als gefährlichster der deutschen Gegner gilt, richtet sich literarisches Sperrfeuer auch vor allem gegen diesen Feind. Das populärste deutsche Gedicht der ersten Kriegszeit, Ernst Lissauers "Hassgesang gegen England", ist zum Inbegriff lyrischer Kriegsgesinnung geworden.


Autor Lissauer glaubte als preußischer Jude mit besonderer Inbrunst an Deutschlands Mission.youtube.com Wie alle Kombattanten im internationalen Krieg der Geister war er ehrlich von der verfolgten Unschuld seines Landes überzeugt. Mit den Elaboraten professioneller Literaten schwillt ab August 1914 eine nie dagewesene Flut von Laien-Lyrik - wie aus Maschinengewehren rattert es da von "Krieg" und "Sieg". Dichter Richard Dehmel, der sich mit über 50 Jahren zu den Waffen drängt. Zahllose Künstler, Intellektuelle und Schriftsteller tun es ihm nach wie Oskar Kokoschka (siehe Seite 28), Franz Marc, Alfred Kerr oder Hermann Hesse. Titel eines damals einflussreichen Buches - werden dem geistig-politischen Erbe der Französischen Revolution entgegengestellt.


Das Zeitalter der Organisation löst demnach die individualistischen Ideen von 1789 ab. An die Stelle von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit treten Hierarchie und Aristokratie. Die höchsten Tugenden sollen fortan Idealismus, Selbstaufopferung, Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze sein: Volk gegen Individuum. Idealismus gegen Materialismus. Gemeinschaft gegen Gesellschaft. Organismus gegen Mechanismus. Tiefsinn gegen Oberflächlichkeit. Diese Konstruktion bildet den mentalen Humus einer verhängnisvollen Politik, deren Wurzeln tief in die deutsche Geschichte zurückreichen. Ideologie und Praxis des "deutschen Sonderweges", von dem Historiker sprechen, endeten mit der Katastrophe des Nationalsozialismus. Der wirft in der intellektuellen Mobilmachung von 1914 seine düsteren Schatten voraus. Philosoph und Hegel-Epigone Adolf Lasson vom Katheder herab.


Nur in einem lichten Moment erscheint ihm alles "wie ein wüster Traum, wie ein ungeheurer, verbrecherischer Wahnsinn". Ebendiesem "verbrecherischen Wahnsinn" wird [http://www.gemaldekaufenonline.com/karl-hauptmann-c-1_190.html Karl Hauptmann kaufen] Kraus mit seinem Drama "Die letzten Tage der Menschheit" 1919 ein Denkmal setzen. Doch sein grimmiger Rat, "nach Friedensschluss die Kriegsliteraten einzufangen und vor den Invaliden auszupeitschen", verhallt ungehört. Erst als die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg zerstoben sind und der geistige Vollrausch einem nie dagewesenen Kater weicht, wandelt Ernst Troeltsch sich zum Friedensfreund und Vernunftrepublikaner. Auch andere Hurrapatrioten der ersten Stunde besinnen sich später eines Besseren, wie Thomas Mann und Hermann Hesse. Ein großer und einflussreicher Teil der deutschen Intelligenz indes klammert sich nach der Niederlage von 1918 erst recht an die "Ideen von 1914". Er wird eine leichte Beute des Nationalsozialismus. Aber nicht einmal die Nazis mit ihrer riesigen Propagandamaschine werden nach der fürchterlichen Erfahrung des Ersten Weltkrieges eine ähnliche intellektuelle Begeisterung für ihren neuen Krieg entfachen. Wie konnten so viele deutsche und europäische Größen zu Flammenwerfern des Nationalismus werden? Eine Hypothese macht den Zeitgeist haftbar: Im imperialistischen Zeitalter sei eben alles Denken unterschwellig von der Vorstellung einer naturwüchsigen Auslese der Stärksten durchdrungen gewesen. Eine andere sucht den Grund im elementaren, irrationalen Sog der Massenpsychologie.


Viele Deutsche nach ihm empörten sich über die inzwischen etablierte österreichische Verwaltung, wobei natürlich auch preußische Ressentiments aufbrachen. Immer wieder ging es in Briefen und Tagebüchern um die angebliche "Faulheit" und sittliche "Verdorbenheit" der Einheimischen sowie den behördliche Schlendrian. 1835 der Berliner Publizist Gustav Nicolai. Vor allem Goethes "Italienische Reise" habe, so Nicolai, unter den Deutschen eine "krankhafte Sehnsucht nach dem Süden" hervorgerufen. Über alles Negative werde hinweggesehen, besonders in der "angeblichen Wunderstadt" an der Adria. Dabei sei kein Besucher aus dem Norden der Verschlagenheit der Venezianer gewachsen. Der Weimarer Bibliothekar Carl Ludwig Fernow war 1794 noch viel weiter gegangen.


Er nannte Venedig "die stinkendste, schmutzigste, häßlichste Stadt", die er je gesehen habe. Das Volk - Adlige wie Pöbel - verbringe die Karnevalszeit in "Entzücken und Taumel", die übrigen Monate des Jahres dagegen "in Druck und Elend". Über Jahrhunderte sei sein Charakter durch Vergnügungen und Nichtstun verdorben worden. Besonders Opernaufführungen verführten selbst charakterfeste Deutsche durch die "wollüstigen Stellungen und verführerischen Töne" der italienischen Protagonisten. Nicolais antiitalienische Ausfälle wurden allerdings von Ruskin übertroffen, der Venedig und sein "herabgekommenes Völkchen" 1852 mit Dantes Inferno verglich, "mit dem Turm von San Marco in der Mitte". Die Italiener, für den exzentrischen Engländer "eine merkwürdige Kreuzung aus Fuchs und Schwein", müsse man, so der Autor des wohl einflussreichsten Venedig-Buchs des 19. Jahrhunderts, erst einmal zu "Männlichkeit und Wahrhaftigkeit" erziehen. Ganz in diesem Geiste bewunderte der Tübinger Ästhetikprofessor Friedrich Theodor Vischer 1839 zwar die glänzenden Augen der Gondolieri, warnte aber vor der "Dolchspitze", die darin lauere.


Der Genuss des Schönen verbinde sich in Venedig leider mit den Unfreundlichkeiten der Einheimischen, zumal "Italien mehr Pöbel als irgendein anderes Land" habe. Am Ende überwogen dann aber doch die romantisch-verklärenden Stimmungsbilder. Die meisten Deutschen suchten in der Lagune ein ästhetisches Dorado, dessen Zerfall die politische und moralische Situation in Europa widerzuspiegeln schien. Die Venedig-Reise blieb dabei eine exklusive Angelegenheit. Bauern, Arbeiter, Handwerker und kleine Beamte, aber auch das Gros der deutschen Akademiker, Staatsbeamten und Geistlichen suchte man am Rialto vergebens. 1852 kam der 22-jährige Schriftsteller Paul Heyse in die "Zauberstadt". Sieben Jahre später schrieb er den schwärmerischen Roman "Andrea Delfin".


Andrea zog die Glocke am Tor. Bald darauf hörte er die Stimme des Pförtners, die fragte, wer draußen stehe. Ein Sterbender, antwortete Andrea. Ruft den Bruder Pietro Maria, wenn er im Kloster ist. Der Pförtner entfernte sich von der Tür. Das ist nicht der Anfang eines Kriminalromans, sondern das Schlusskapitel in der Biografie eines Nachfahren der Dogenfamilie Dolfin. Gondel und setzt seinem Leben, tragisch und theatralisch zugleich, durch Selbstertränken in der Lagune ein Ende. Im 19. Jahrhundert entstanden unzählige Venedig-Novellen dieser Art, nicht nur in der deutschen Literatur. Das Unglück Einzelner symbolisierte die Verfallsgeschichte der Stadt. Die subtile Beziehung zwischen Schönheit und Vergänglichkeit war spätestens seit Platen zum Modethema geworden.


1847 starb in Wien, kurz nach einem Besuch in der "Stadt des Todes", Moritz Graf von Strachwitz, ein kränkelnder Ästhet, dessen Gedichte und Balladen - sie erschienen postum 1850 - heute ebenso vergessen sind wie ihr Autor. Sein "Hymnus an Venedig", kurz vor seinem Tod verfasst, klang dramatisch. In dieser Flut, dem Ruheplatz der Sterne! Der Blick auf Venedig, die Empfindung, wird auf das Existentielle reduziert. Der Verfall der Stadt ist zur Hintergrundmelodie geworden, wie auch die Begeisterung für das Schöne, das anderen so viel Trost bot. Von Einheimischen wie Fremden fühlt sich der lebensuntüchtige Intellektuelle missverstanden. Angesichts der notorischen Unruhe der Stadt, ihrem "wimmelnden Gewürme", packt ihn "innerstes Erbeben". Der Untergang des gefährdeten Einzelnen wird allerdings nicht ohne Arroganz inszeniert. Der Preis ist jene elitäre Einsamkeit, für die Venedig das Ambiente bietet.


Auch Friedrich Nietzsche, der die Stadt insgesamt fünfmal besuchte, floh hier vor den Massen, die erstmals in Gruppen anreisten. Ihn faszinierten besonders die alten Meister, wobei er sich auf die Fachkunde seines Basler Fakultätskollegen Jacob Burckhardt stützen konnte. Ebenso aber liebte er den Markusplatz, dessen Besuch er zu den "guten Geschenken" venezianischer Vormittage zählte. Frühling, Musik und Venedig waren für ihn Synonyme. Mit dem Komponistenfreund Peter Gast zusammen bemühte sich Nietzsche, die "Klingsor-Zauberei" Richard Wagners zu überwinden. Das Licht der Lagune, die Tauben, die "Toteninsel", überraschenderweise aber auch Festgottesdienste in San Marco faszinierten den Denker, der dem Christentum den Kampf angesagt hatte, ungeachtet aller Krisenstimmungen. 1888 erwog er ernsthaft, gegen die chronische Venedig-Sehnsucht eine "Kur" anzutreten - ausgerechnet in den "Venediger Alpen"!


Nietzsche teilte seine Venedig-Leidenschaft mit dem verehrten wie gehassten Wagner, dessen angebliche musikalische Dekadenz er so scharf verurteilte.youtube.com Immer wieder hatte der große Komponist am Rialto Entspannung, aber auch Anregungen gesucht. 1858, bei seinem ersten Besuch, war er auch aus der Ehe mit seiner damaligen Frau Minna geflohen. Er nahm Quartier in einem prächtigen Renaissance-Palazzo am Canal Grande, der als einer von wenigen sogar über eine moderne Heizungsanlage verfügte. Die Räume ließ sich der anspruchsvolle Gast nach seinem Geschmack herrichten. Wagner habe, berichtete der Polizeirat Crespi seiner Behörde, "da die Farbe seines Schlafzimmers ihn unangenehm berührte", den Besitzer gebeten, "eine seiner Stimmung mehr zusagende Schattierung von rot als Dekorierung" wählen zu dürfen. In Venedig vollendete Wagner den zweiten Akt des "Tristan", und hier starb er auch im Februar 1883. Im legendären Teatro La Fenice hatte er zuvor sein letztes Konzert dirigiert.